Lernen innovativ
Aktuelle gesellschaftliche Transformationsprozesse verdeutlichen, dass Bildungssysteme vor tiefgreifenden Herausforderungen stehen. Digitale Technologien, Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz sowie globale Krisen verändern Arbeitswelt, Kommunikation und soziale Strukturen in hoher Geschwindigkeit. Diese Dynamik erschwert verlässliche Prognosen und erfordert von Lernenden wie Lehrenden eine ausgeprägte Flexibilität, die Fähigkeit zu kritischer Urteilsbildung sowie einen konstruktiven Umgang mit Unsicherheit. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Neuausrichtung von Bildung besondere Relevanz.
Bildung darf sich nicht auf die Vermittlung statischen Wissens beschränken, sondern sollte zunehmend die Förderung von Kompetenzen in den Fokus rücken, die zur Bewältigung komplexer Problemstellungen notwendig sind. Dazu zählen insbesondere die reflektierte Nutzung digitaler Medien, das Verstehen vielschichtiger Zusammenhänge und die aktive Mitgestaltung kooperativer Lernprozesse. Eine chancengerechte und inklusive Bildungslandschaft bildet hierfür eine zentrale Voraussetzung, da sie allen Lernenden – unabhängig von individuellen Merkmalen und sozialen Voraussetzungen – Teilhabe und Selbstwirksamkeit ermöglicht.
Zwar sind an einigen Schulen bereits Reformansätze sichtbar, doch prägen vielerorts weiterhin traditionelle Organisationsformen und Strukturen des Lernens den Alltag. Wenn Schule den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden soll, bedarf es grundlegender struktureller und didaktischer Veränderungen. Innovative Formate und pädagogische Konzepte können dazu beitragen, Schule als Lern- und Lebensraum weiterzuentwickeln, der Kinder und Jugendliche auf eine zunehmend digitale, vernetzte und komplexe Welt vorbereitet. Dies gilt in besonderer Weise auch für Lernende mit Taubheit oder Schwerhörigkeit, deren spezifische Lernvoraussetzungen im weiteren Verlauf im Fokus stehen.
In Anlehnung an Deweys oft zitierten Hinweis von 1916 wird deutlich: Eine Schule, die an überkommenen Praktiken festhält, läuft Gefahr, Lernende nicht angemessen auf ihre Zukunft vorzubereiten:
„If we teach today’s students as we taught yesterday’s, we rob them of tomorrow.“
Komponenten der Schulentwicklung
Die Erkenntnisse der neurobiologischen Lernforschung und der pädagogischen Praxis machen unmissverständlich deutlich: Lernen ist ein individueller, emotional geprägter und sozial eingebetteter Prozess, der weit über reine Wissensvermittlung hinausgeht. Damit schulisches Lernen wirksam, motivierend und nachhaltig gelingen kann, bedarf es einer Schule, die sich als gestaltbarer Erfahrungsraum versteht – als Ermöglichungsort für persönliche Entwicklung, für Kompetenzerwerb, für Selbstwirksamkeit und für kooperatives Miteinander (Hattie, 2009).
Die Umsetzung dieser pädagogischen Einsichten erfordert jedoch mehr als punktuelle didaktische Anpassungen. Sie verlangt eine systemische Neuausrichtung schulischer Strukturen, Kulturen und Prozesse – und nicht zuletzt ein kritisches Infragestellen jener Lehrgewohnheiten, die häufig unbewusst tradiert werden, was Howard B. Altman (1983) wie folgt auf den Punkt brachte:
„Teachers teach as they were taught and not as they were taught to teach."
Lehrkräfte neigen dazu, auf vertraute Muster zurückzugreifen, weil diese Teil ihrer eigenen schulischen Sozialisation sind – unabhängig davon, welche mitunter auch innovativen Konzepte in der Aus- und Fortbildung vermittelt wurden.
Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche, damit einhergehend veränderter Lernanforderungen sowie den Erkenntnissen über die Lernprozesse wird indes deutlich: Wenn sich das Lernen verändert, muss sich auch Schule verändern – in ihrer Architektur, ihren Zeit- und Raumstrukturen, in der Gestaltung von Beziehungen und Lernsettings, in der Rolle der Lehrperson ebenso wie in der Bewertung von Leistung. Notwendig ist ein Paradigmenwechsel, der nicht nur Strukturen, sondern auch Haltungen in den Blick nimmt (Zierer et al., 2023).
Die nachfolgend skizzierten acht Komponenten schulischer Entwicklung markieren zentrale „Hebel“ für einen grundlegenden Wandel der Lernkultur. Der Orientierungsrahmen richtet sich an alle Akteur*innen im Bildungssystem, die bestehende Strukturen kritisch hinterfragen und gezielt erweitern möchten – von umfassenden Reformprozessen bis hin zu individuellen Unterrichtsinitiativen. Dabei eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten, Schule so zu gestalten, dass Lernen wirksam, motivierend und nachhaltig gelingt.
Nicht alle „Hebel“ müssen dabei zugleich bedient werden: Unterschiedliche Ressourcen bieten jeweils eigene Spielräume, die genutzt werden können. Schon kleine Veränderungen innerhalb einzelner Komponenten können erste Schritte einleiten – sei es durch einzelne Lehrkräfte, die in ihrem eigenen Handlungsspielraum beginnen, oder durch umfassendere Reformprozesse, die das gesamte System in den Blick nehmen. Obwohl jede Dimension eigenständig wirkungsvoll sein kann, entsteht ihr größtes Transformationspotenzial aus ihrem Zusammenspiel. Gerade klein begonnene Maßnahmen haben sich in Veränderungsprozessen als Ausgangspunkte erwiesen, um langfristige substanzielle Entwicklungen anzustoßen. So verbindet sich der pragmatische Beginn im Kleinen mit der Perspektive auf nachhaltige Veränderungen im Großen.
Fazit
Der Wandel hin zu einer Lernkultur, die selbstgesteuertes Lernen ermöglicht, erfordert ein umfassendes Zusammenspiel verschiedener Komponenten.
Das Lernhauskonzept als übergeordnete Gestaltungsstruktur einer Schule bildet einen möglichen organisatorischen und architektonischen Rahmen, in dem Lernen stattfindet. Eine offene, flexible Schularchitektur kann Lernprozesse unterstützen, indem sie Begegnungsräume, Rückzugsmöglichkeiten und vielseitig nutzbare Flächen bietet. Die konkrete Lernraumgestaltung, die die Abkehr vom klassischen Klassenzimmer beinhaltet, hat unmittelbaren Einfluss auf das Lernklima. Flexible Möblierung, variable Raumzonen und technische Ausstattung ermöglichen unterschiedliche Lernformen, fördern Kooperation wie auch Einzelarbeiten und orientieren sich an den Bedürfnissen der Lernenden (Ramseger & Kirch, 2024).
Der Lerninhalt muss in einer sich stetig wandelnden Welt sowohl fachliche Grundlagen sichern als auch überfachliche Kompetenzen wie kritisches Denken, Problemlösefähigkeit und digitale Souveränität vermitteln. Die Lernzeit sollte flexibler gestaltet werden, um individuelle Lernrhythmen zu berücksichtigen und vertieftes, selbstgesteuertes Lernen zu ermöglichen. Die klassischen 45-Minuten-Unterrichtseinheiten sind hier als überholtes Modell zu betrachten. Die Lerngemeinschaft ist ein zentraler sozialer Bezugsrahmen, in dem Vertrauen, Kooperation und gegenseitige Unterstützung entstehen; ein wertschätzendes Miteinander wirkt lernförderlich und stärkt soziale Kompetenzen. Auch hier gilt es, starre Strukturen aufzubrechen. Die Lernform korreliert als methodische Ausgestaltung des Inhalts- und Kompetenzerwerbs mit der Lerngemeinschaft: Sie sollte variabel sein, projektorientiertes, kooperatives und selbstgesteuertes Arbeiten fördern und damit unterschiedliche Lernstile ansprechen.
Die Lern- und Leistungsbewertung muss über reine Wissensabfragen hinausgehen und auch Prozesse, Kompetenzen und individuelle Fortschritte berücksichtigen, um Motivation und Selbstwirksamkeit zu stärken. Schließlich kommt der Lernbegleitung durch Lehrkräfte eine Schlüsselrolle zu: Sie agieren nicht mehr primär als Wissensvermittelnde, sondern als Coaches, die individuelle Lernwege unterstützen, Feedback geben und Lernumgebungen gestalten, in denen Potenziale entfaltet werden können (Kahl, 2012).
In der Zusammenschau dieser Komponenten wird deutlich, dass ein nachhaltiger Lernkulturwandel nur gelingen kann, wenn alle Ebenen – von der räumlichen bis zur pädagogischen – konsequent auf die Förderung von selbstbestimmtem, kooperativem und zukunftsfähigem Lernen ausgerichtet sind. Für Kinder und Jugendliche mit Taubheit oder Schwerhörigkeit kommt dabei der Modalitätssensibilität, der Kommunikationssensibilität sowie der Kultursensibilität eine zentrale Bedeutung zu. Lernräume müssen akustisch und visuell barrierearm gestaltet sein, Lerninhalte multimodal und strukturiert aufbereitet werden, und die Lerngemeinschaft benötigt klare Kommunikationsregeln sowie eine wertschätzende Haltung gegenüber unterschiedlichen Ausdrucksformen. Auch Lernbegleitung und Leistungsbewertung müssen sich an den individuellen Zugangsweisen orientieren und so Teilhabe wie Eigenverantwortung gleichermaßen fördern.
Darüber hinaus zeigt sich, dass ein Lernkulturwandel nur dann nachhaltig umgesetzt werden kann, wenn er systemisch verankert wird: organisatorisch, bildungspolitisch und auf Ebene der Schulentwicklung. Die Professionalisierung der Lehrkräfte ist hierfür unerlässlich; sie müssen befähigt werden, sprachsensibel, modalitätssensibel und kommunikationssensibel zu handeln. Ebenso ist die Partizipation der Lernenden zentral, da selbstgesteuertes Lernen eine aktive Mitgestaltung erfordert insbesondere für Schüler*innen mit Hörbehinderung, deren Selbstvertretung dadurch gestärkt wird. Auch technologische Unterstützung in Form von digitalen Medien, Untertitelungen oder Gebärdensprach-Tools ist ein wichtiger Baustein für Barrierefreiheit und Flexibilität. Schließlich muss der Wandel kontinuierlich durch Evaluation und Forschung begleitet werden, um Qualität, Wirksamkeit und Weiterentwicklung zu sichern.
Unter Berücksichtigung dieser Besonderheiten zeigt sich, dass ein Lernkulturwandel auch im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation nicht nur möglich, sondern notwendig und zukunftsweisend ist. Er trägt nicht nur zur schulischen Inklusion bei, sondern stärkt zugleich die gesellschaftliche Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Taubheit und Schwerhörigkeit.











