Komponenten der Schulentwicklung
Lernraum (Gestaltung von Klassenzimmern)
Das Klassenzimmer der Zukunft sollte nicht mehr durch starre Sitzordnungen, festgelegte Gruppentische oder uniform gestaltete Flächen geprägt sein. In einer Schule, die sich dem individuellen, selbstgesteuerten Lernen und den Anforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft verpflichtet, wird der physische Raum zu einem zentralen pädagogischen Instrument. Die Vorstellung von Schule als „bedeutsamem Ort, einem Lebensraum“ (Kahl, 2014, S. 75) ist dabei nicht neu. Bereits Malaguzzi, Begründer der Reggio-Pädagogik, beschrieb den Raum als „dritten Pädagogen“ (Hoffmann, 2015), weil er erkannte, wie sich die Gestaltung eines Raumes positiv auf die Lernatmosphäre durch das Zusammenspiel von Farben, Licht, Raumluft und Akustik auswirkt. Lernumgebungen sollten daher flexibel, adaptiv und funktional offen gestaltet werden können – nicht als rein architektonische Maßnahme, sondern als Ausdruck eines veränderten Verständnisses von Lernen. Diese Idee setzt das Lernhaus in der Raumgestaltung konsequent fort: Herkömmliche Klassenzimmerstrukturen werden aufgelöst und zu vielseitig nutzbaren Lernbüros weiterentwickelt. Auch hier manifestiert sich der Wandel der Lernkultur deutlich.
Damit derartige Anforderungen auch den Lern- und Entwicklungsbedarfen von Lernenden mit Hörbehinderung genügen, bedarf es spezifischer Begebenheiten, die hier vorgestellt werden.
Zahlreiche Studien belegen die enge Wechselwirkung zwischen Raumgestaltung und Lernverhalten. Die OECD (2017) etwa hebt hervor, dass innovative Lernumgebungen nicht nur Motivation und Engagement steigern, sondern auch differenzierte Lernformen wie Projektarbeit oder individualisierte Lernphasen anregen. In ähnlicher Weise zeigen die empirischen Erhebungen des Deutschen Instituts für Schulentwicklungsforschung (ISF), dass flexible Raumkonzepte die Selbststeuerung und Kooperationsfähigkeit von Lernenden signifikant fördern können (Koltermann & Kretzschmar, 2023). Flexible Möblierung, zonierte Arbeitsbereiche und modulare Strukturen erlauben die Anpassung an unterschiedliche Anforderungen von konzentriertem Arbeiten über gemeinsames Planen bis zu kreativen Projekten.
Damit sind sie nicht mehr primär Orte der Belehrung, sondern variabel nutzbare Orte des Lernens mit Zonen für Rückzug, Zusammenarbeit, Präsentation oder digitale Produktion, geprägt von dynamischen Strukturen, differenzierter Zonierung und einem hohen Maß an Gestaltbarkeit. Flexible Möbel, die höhenverstellbar, rollbar und multifunktional einsetzbar sind, ermöglichen es, Lernsettings situativ neu zu konfigurieren.
Auch die technische Infrastruktur spielt dabei eine zentrale Rolle. Stabile Internetverbindungen, mobile Endgeräte, interaktive Displays und digitale Lernplattformen sind unverzichtbare Bestandteile zeitgemäßer Lernräume. Doch Technik allein garantiert noch keinen Lernerfolg. Sie entfaltet ihr Potenzial nur dann, wenn sie in ein pädagogisches Konzept eingebettet ist, das auf Selbststeuerung, Kollaboration und kreative Problemlösung abzielt. Die räumliche Gestaltung kann dies unterstützen – etwa durch integrierte Ladestationen, akustisch differenzierte Bereiche oder hybride Lernzonen, die analoge und digitale Lernsituationen sinnvoll verknüpfen (OECD, 2017).
Räumliche Flexibilität ist dabei keine rein technische Frage, sondern erneut Ausdruck einer pädagogischen Haltung: Wer Lernprozesse als dynamisch, plural und vielschichtig begreift, muss ihnen auch räumlich Rechnung tragen. Der einstige Klassenraum wird zum gestaltbaren Möglichkeitsraum und somit zu einem Ort, der Lernen nicht vorgibt, sondern eröffnet. Er ist nicht mehr bloßer Hintergrund pädagogischer Praxis, sondern konstitutiver Teil.