Komponenten der Schulentwicklung
Lernform (Methodik)
Eine Schule im Wandel darf sich nicht auf die Schaffung neuer Räume und Strukturen beschränken. Vielmehr muss sie auch ihre methodisch-didaktische Ausrichtung grundlegend überdenken. Es bedarf einer veränderten Praxis, in der Lernprozesse nicht mehr vorrangig als linearer Wissenstransfer gedacht werden, sondern als individuelle, soziale und sinnstiftende Erfahrungen vor der Lebenswirklichkeit der Lernenden. Die klassische Vorstellung vom lehrgangsgebundenen und durch eine Lehrkraft gesteuerten Unterricht wird zunehmend als unzureichend empfunden. In einer Welt, die von Wandel, Unsicherheit und Komplexität geprägt ist, verlieren standardisierte Lehrformate an Wirkkraft. Stattdessen rücken offene, individualisierte und kooperative Lernformen in den Fokus. Sie ermöglichen ein Lernen, das stärker an der Lebenswelt der Schüler*innen orientiert ist und die Kompetenzen stärkt, die in einer demokratischen und digitalisierten Gesellschaft zunehmend gefordert sind.
Dabei geht es nicht um eine bloße Erweiterung des methodischen Repertoires, sondern um einen grundlegenden Perspektivwechsel: Lernen wird nicht länger als passive Rezeption von Wissensbeständen, die von einer „wissenden Lehrkraft“ dargeboten wird, verstanden, sondern als aktiver, selbstverantwortlicher und sozial eingebetteter Prozess.
Offene Lernformen
Offene Lernformen bieten eine tragfähige Grundlage, um unterschiedliche Voraussetzungen, Interessen und Lerntempi produktiv aufzugreifen und ermöglichen daher in hohem Maße ein individualisiertes Lernen. In solchen Formaten entscheiden Lernende – je nach didaktischer Ausgestaltung – zunehmend selbst, mit welchen Inhalten sie sich in welchem Tempo und auf welche Weise auseinandersetzen. Meyer (2024) sowie bereits Jank & Meyer (2011) betonen in diesem Zusammenhang die Bedeutung der „didaktischen Öffnung“ auf mehreren Ebenen: in der Wahl der Inhalte, der Gestaltung des Lernwegs, des Tempos und der Sozialform. Durch diese Öffnung werden Lernende nicht nur als Adressat*innen von Bildung, sondern als Subjekte ihres Lernens ernst genommen. Gudjons (2014) hebt hervor, dass solche Formen des Lernens besonders geeignet sind, um Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit zu fördern und damit zentrale Zielgrößen moderner Bildung.
Doch offene Lernformen dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob Lernende alleine lernen. Im Gegenteil: Neben dem individuellen, selbstgesteuerten Lernen rücken soziale Lernformen in den Vordergrund, die Kollaboration und somit auch Kommunikation (zwei der 4K-Schlüsselkompetenzen, einüben. Diese stehen in gleichwertigem Einklang.
Kooperatives Lernen bietet hierfür nicht nur eine methodische Struktur, sondern auch eine pädagogische Haltung. Adl-Amini & Völlinger (2021) beschreiben Kooperation als ein Lernen mit- und voneinander, das weit über die Vermittlung von Fachwissen hinausgeht: Es fördert demokratische Kommunikationsformen, gegenseitige Wertschätzung und gemeinsame Verantwortung.
Projektorientierter Unterricht schließlich verbindet Lebensweltbezug mit vertieftem fachlichem und überfachlichem Lernen. Er orientiert sich an realen Fragen und komplexen Problemstellungen, die nicht selten über Fächergrenzen hinausreichen. Kahl (2012) beschreibt Projektlernen als eine „Expedition ins Ungewisse“, in der sich Lernende auf den Weg machen, eigenständig Informationen recherchieren, im Team Lösungen entwickeln und ihre Ergebnisse reflektiert präsentieren. Solche Formen des Lernens fordern u. a. Urteilsfähigkeit, Teamgeist und Verantwortung (Traub, 2022). Insgesamt eröffnet der Einsatz digitaler Medien neue Gestaltungsräume: von der Recherche über kollaborative Arbeitsplattformen bis hin zu vielfältigen Präsentations- und Dokumentationsformaten.
Doch so sehr offene, kooperative und projektorientierte Lernformen im Geiste zeitgemäßer Pädagogik stehen, so sehr wird auch deutlich: Sie benötigen ein tragfähiges pädagogisches Fundament. Offenheit darf nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Die Devise „So viel Offenheit wie möglich, so viel Führung wie nötig“ bringt auf den Punkt, dass Freiheit im Lernen auf einer strukturierten, gut begleiteten Grundlage fußen muss. Eine durchdachte Mischung methodischer Konzepte, etwa vom gelenkten Input über selbstorganisierte Lernphasen bis hin zu kollaborativen Projekten, ermöglicht die notwendige Balance zwischen Orientierung und Eigenverantwortung.
Geschlossene Lernformen
Dabei hat auch der lehrgangsgebundene Unterricht nach wie vor seine pädagogische Legitimation gerade in einem insgesamt offenen und individualisierten Setting. Solche Phasen ermöglichen es, grundlegende Begriffe, Strategien oder Denkweisen systematisch einzuführen. Helmke (2017) verweist auf die Bedeutung expliziter Lehrersteuerung insbesondere dann, wenn neue Inhalte eingeführt oder Lernprozesse initiiert werden sollen. Lehrgangsgebundene Phasen sind daher kein Widerspruch zu offener Pädagogik, sondern Teil einer didaktischen Choreografie, die zwischen Anleitung und Öffnung pendelt.
Ebenso bedeutsam sind Phasen der Reflexion und Planung im Lernprozess. In individualisierten Lernumgebungen besteht die Gefahr, dass sich Lernwege verlaufen oder Ziele aus dem Blick geraten. Strukturierende Gesprächsanlässe etwa zu Wochenbeginn oder im Rahmen von Lernberatung helfen, die eigenen Vorhaben zu klären, Prioritäten zu setzen und Lernprozesse bewusst zu gestalten. Die Lehrkraft kommt hier in ihrer Rolle als Coach und Moderatorin von Lernprozessen besondere Bedeutung zu: Sie hilft, Ziele zu formulieren, Lernstrategien zu entwickeln und Fortschritte sichtbar zu machen.
Schließlich gehört auch das Präsentieren von Arbeitsergebnissen zu einem vollständigen Lernprozess. Erst im Austausch mit anderen, in der Darstellung eigener Gedanken, in der Resonanz der Gruppe erfahren Lernende die Wirksamkeit ihres Tuns. Präsentationen im Plenum, Ausstellungen, digitale Portfolios oder Lernlandkarten sind nicht nur Formen der Ergebnissicherung, sondern auch Gelegenheiten, Verantwortung zu übernehmen, sich mitzuteilen und soziale Anerkennung zu erfahren.
Schule im 21. Jahrhundert verlangt ein neues Verständnis von Bildung und gelingt dort, wo Lernen neu gedacht wird. Lernen muss als offener, selbstbestimmter und sozial eingebetteter Prozess gestaltet werden, der individuelle Wege ermöglicht, aber auch gemeinschaftliches Denken fördert. Didaktische Öffnung, Individualisierung, Kooperation und Projektarbeit stehen dabei also nicht für Beliebigkeit, sondern für eine neue Verantwortung: Lernen muss sinnvoll, partizipativ und an der Lebenswirklichkeit orientiert sein. Entscheidend ist nicht allein das methodische Instrumentarium, sondern die pädagogische Haltung, die Vertrauen schenkt und Entwicklung ermöglicht. Zukunftsfähige Bildung gelingt dort, wo Schule zum Raum wird und Raum gewährt für interessengeleitete Weltaneignung, Verantwortung und Gemeinschaft.
Spezifische Besonderheiten, die bei der Realisierung von Lernformen im Unterricht mit schwerhörigen und tauben Lernenden zu berücksichtigen sind, finden Sie hier.