Komponenten der Schulentwicklung
Anforderungen an Lerninhalte für Lernende mit Hörbehinderung
Die oben aufgeführten Aspekte zu den Lerninhalten allgemein gelten eins-zu-eins auch für den Unterricht mit tauben und schwerhörigen Lernenden und können daher so übertragen werden. Aufgrund der spezifischen Lernbebarfe sind jedoch Konturierungen vorzunehmen. Die Wesentlichen sollen hier kurz umrissen werden:
DGS und Lautsprache als Bildungssprache
Die Deutsche Gebärdensprache gewinnt im schulischen Kontext zunehmend an Bedeutung, da sie Lernende mit Hörbehinderung einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung ermöglichen kann – unabhängig von Hörstatus und Versorgungslage.
Immer mehr Bundesländer verankern daher zu Recht die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als Bildungssprache sowie als Unterrichtsfach in ihren Vorgaben zur sonderpädagogischen Förderung wie etwa die Länder Bayern und NRW (Schulentwicklung NRW 2024; Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, 2025).
Damit wird eine zentrale Forderung der Kultusministerkonferenz (2021) aufgegriffen, DGS als gleichwertigen Bestandteil schulischer Bildung zu etablieren und auf eine Ebene wie die Deutsche Lautsprache zu stellen (Vollhaber, 2018).
Im Kontext der Beschulung von tauben und schwerhörigen Kindern bzw. Jugendlichen sind daher immer zunächst beide Sprachmodalitäten zu berücksichtigen und das gilt grundsätzlich für jeden Förderort. Folglich bedarf es auch einer expliziten sprachlichen Förderung, der die Lernenden entsprechend ihrer individuellen Bedarfe fokussiert und sprachliche Kompetenzen entwickelt, ausbaut sowie festigt und Sprachbewusstsein schafft. Sicherlich sind je nach individueller Lernausgangslage spezifische Schwerpunkte und Ausprägungsgrade bezüglich der Sprachmodalitäten vorzunehmen und deren Stellenwert kann je nach Lerngruppe und Förderort deutlich variieren, wobei der Zugang zur Laut-, Schrift- und Gebärdensprache aber eben nie gänzlich versperrt sein sollte.
Theory-of-Mind-Kompetenzen
Unter Theory-of-Mind (ToM) wird die Fähigkeit verstanden, mentale Zustände wie Überzeugungen, Wünsche, Intentionen oder Emotionen bei anderen Menschen zu erkennen und von den eigenen zu unterscheiden (Premack & Woodruff, 1978). Diese Kompetenz ermöglicht es, einen Perspektivwechsel vorzunehmen – also das Verhalten anderer zu interpretieren, vorherzusagen und kommunikativ darauf zu reagieren. Insofern gilt die Theory-of-Mind-Kompetenz als eine zentrale Voraussetzung für gelingende soziale Interaktionen und stellt damit einen wesentlichen Baustein kindlicher Kognitions- und Persönlichkeitsentwicklung dar.
Becker et al. (2025) haben hinreichend dargelegt, dass Kinder mit Hörbehinderung in der Entwicklung von Theory-of-Mind-Kompetenzen allerdings oftmals deutliche Verzögerungen aufweisen. Als zentrale Ursache gilt der erschwerte oder verzögerte Erwerb sprachlicher Fähigkeiten, der die Ausbildung mentaler Zustandsrepräsentationen erheblich beeinträchtigen kann. Dadurch wird es für betroffene Kinder schwieriger, Gedanken, Emotionen und Intentionen anderer korrekt zu erfassen und zu versprachlichen, was wiederum ihre soziale Integration und kommunikative Teilhabe gefährdet (Becker & Morgan, 2025).
Folglich ist es eine wesentliche Aufgabe von Bildungseinrichtungen, diesen Aspekten ein besonderes Augenmerk zu schenken und deren Förderung in den Unterricht zu integrieren.
Verhaltensweisen im Internet
Lernende mit Hörbeeinträchtigung sind in besonderer Weise darauf angewiesen, im schulischen Kontext Kompetenzen für ein sicheres Verhalten im Internet zu erwerben. Taube und schwerhörige Kinder bzw. Jugendliche sind signifikant häufiger Opfer von sexualisierter Gewalt und Übergriffen in digitalen Räumen als ihre hörenden Peers (Hartmann et al., 2024). Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass eingeschränkte Sprachkompetenzen und reduzierte Ausdrucksmöglichkeiten die Fähigkeit erschweren, problematische Situationen frühzeitig zu erkennen, Grenzen klar zu kommunizieren oder Hilfe einzufordern. Auch die Gefahr, manipulativen oder missbräuchlichen Inhalten unkritisch zu begegnen, steigt, wenn sprachliche Mittel fehlen, um Risiken zu benennen oder sich mit anderen über Erfahrungen auszutauschen. Der Einfluss der Sprachmodalität auf kognitive Prozesse ist hinlänglich bekannt und damit ist auch die Gefahr verdeutlicht, dass sprachliche Begrenzungen die Reflexion erschweren können. Fehlende sprachliche Handlungsmöglichkeiten können so nicht nur Bildungsprozesse hemmen, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstbehauptung im digitalen Raum schwächen. Für die schulische Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit, digitale Bildung konzeptionell mit Sprachförderung zu verknüpfen. Nur so kann Prävention wirksam und die Teilhabe an digitalen Medien nicht zur Gefährdung, sondern zu einer Ressource für Selbstbestimmung, Identitätsbildung und Bildungsgerechtigkeit werden.
Identitätsarbeit
Es ist von entscheidender Bedeutung, schwerhörige und taube Lernende so zu begleiten, dass sie ihre Hörbehinderung als Teil ihrer Identität und ihres Selbstkonzepts akzeptieren und konstruktiv in ihr Selbstkonzept integrieren. Nur wenn die eigene Hörbeeinträchtigung nicht verdrängt oder als Defizit erlebt wird, sondern als individueller Bestandteil der Persönlichkeit akzeptiert ist, kann ein stabiles und positives Selbstbild entstehen.
Dieses Bewusstsein schützt nicht nur vor innerer Abwertung, sondern stärkt auch die Fähigkeit, sich in sozialen Situationen klar zu positionieren und die eigenen Bedürfnisse zu vertreten. Eine gelingende Integration der Hörbehinderung in das Selbstkonzept ist unmittelbar mit Resilienz, Lernmotivation und sozialer Teilhabe verbunden (Wolff, 2018).
Schulen tragen hier eine Schlüsselrolle: Sie bieten Räume für Begegnung, Selbstreflexion und die Erfahrung von Anerkennung. Entscheidend ist, dass Lehrkräfte Lernende ermutigen, sich mit der eigenen Hörsituation und den daraus resultierenden Fähig- wie Fertigkeiten und Bedarfen auseinandersetzen und damit folglich die Hörbehinderung weder zu verleugnen noch zum allein bestimmenden Merkmal ihrer Identität werden zu lassen, sondern sie in einem ausgewogenen Selbstbild zu verankern. Auf diese Weise kann eine Haltung entstehen, die Akzeptanz, Zufriedenheit und Eigenverantwortung miteinander verbindet und die Lernende befähigt, ihren Bildungs- und Lebensweg souverän zu gestalten.
Zusammenfassend sind die folgenden Aspekte bei der Gestaltung von Lernhalten demnach zentral:
Kompetenzen statt reines Faktenwissen fördern
- Problemlösen fördern: reale Fälle bearbeiten, Alltagsprobleme im Unterricht modellieren, Lebensweltbezug herstellen
- Lernstrategien üben
- Ergebnisdarstellungen trainieren: Lernvideos produzieren, Präsentationen vorbereiten und durchführen
- Reflexion anleiten: kurze Lernjournale, Feedbackrunden, Denkpausen.
4K + Haltung im Unterricht lebendig machen
- Kommunikation: Diskussionsrunden, Interviews
- Kooperationen: Partner*innen- und Gruppenarbeiten, arbeitsteilige Aufgaben
- Kreativität: offene Aufgabenformate, Problemlösestrategien eröffnen, alternative Produktformen
- Kritisches Denken: Quellen vergleichen, Fake News erkennen, Bewertungen begründen
- Haltung: Wertekonflikte diskutieren, Dilemmageschichten bearbeiten
Demokratie erfahrbar machen
- Klassenrat durchführen, Rollen in Entscheidungsprozessen vergeben
- Regeln gemeinsam entwickeln und reflektieren.
- gesellschaftliche und politische und Alltagsthemen besprechen
Digitale Kompetenzen aufbauen
- Sicheres Verhalten im Netz üben: Chats simulieren, Risiken besprechen, Beispiele analysieren
- Tools sinnvoll einsetzen: Recherchen anleiten, Daten überprüfen lassen, ggf. kleine Programmieraufgaben
- Medienkritik trainieren: Beiträge bewerten, Bilder überprüfen.
Fächerübergreifend und lebensweltorientiert arbeiten
- Projekte planen (z. B. „Wie entsteht Müll, was hat das mit uns zu tun und wie kann er vermieden werden?“)
- Lernende eigene Fragen entwickeln und verfolgen lassen
- Themen aus dem Alltag und der Gegenwart nutzen, z. B. Social Media, Mobilität, Klima
Anpassungen für Lernende mit Hörbehinderung
- Sprache aktiv fördern: Sprachaufbau, Sprachbewusstsein schaffen, kommunikative Settings gestalten, kommunikative Taktiken und Strategien fördern, Modalitätsvielfalt zulassen und fördern
- Theory of Mind fördern: Gefühle erkennen und benennen, Perspektivwechsel üben, Rollenspiele durchführen, Missverständnisse thematisieren
- Sicher im Internet handeln: Risiken besprechen, Gefahren erkennen, Grenzsetzung einüben, klare Hilfen für Gefahrensituationen bereitstellen
- Identitätsarbeit ermöglichen: Biografische Auseinandersetzung, Reflexion eigener Stärke, kulturelles Bewusstsein schaffen, kulturelle Vielfalt fördern