Komponenten der Schulentwicklung
Lernzeit
Für einen Unterricht, der sich konsequent an den individuellen Lernbedürfnissen der Lernenden sowie an einer kompetenzorientierten Ausrichtung orientiert, gilt es, auch die zeitliche Organisation grundlegend zu überdenken. Eine solche Form des Lernens erfordert eine flexible, bedarfsgerechte Tagesstruktur, die sich an Konzentrationsphasen, Lernprozessen und sowohl individuellen als auch gemeinschaftlichen Zielsetzungen orientiert. Das herkömmliche 45-Minuten-Zeitraster, das bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden und seitdem bei uns feste Tradition ist, wird diesen Anforderungen kaum mehr gerecht. Lernen verläuft nicht linear, sondern in unterschiedlichen Rhythmen: es lässt sich nicht in starre Zeiteinheiten pressen. Zwischen Lernenden gibt es große Unterschiede im Lerntempo, was sich z. B. in der Bearbeitungsdauer von Aufgaben niederschlägt (Traub, 2022; Ehlert, 2023).
Das tradierte Zeitrastermodell berücksichtigt neurologische Bedürfnisse nur unzureichend, denn Aufmerksamkeit und Ermüdung variieren ebenso individuell und hängen stark von Kontext, Inhalten und Tagesform ab (Drews, 2018; Gromada & Shewbridge, 2016; Sharpe et al.,2025).
Längere und strukturierte Lernzeiten ermöglichen ein vertieftes und stringentes Arbeiten, projektorientiertes Lernen und folglich die gezielte Förderung überfachlicher Kompetenzen. Besonders bei komplexen oder fächerübergreifenden Themen schaffen sie Raum für konzentrierte Auseinandersetzung.
Studien zum Blockmodell, also zur Organisation des Unterrichts in größeren Zeiteinheiten, zeigen, dass ein erweiterter Zeitrahmen nicht nur die fachliche Tiefe, sondern auch die Motivation und Selbstwirksamkeit der Lernenden fördern kann, sofern er pädagogisch sinnvoll gestaltet ist (Biesinger et al., 2008).
Dabei geht es nicht allein um eine pauschale Verlängerung von Unterrichtsstunden, sondern vor allem um flexible Zeitfenster, die sich dynamisch an die jeweilige Lernsituation und -bedürfnisse anpassen lassen. Solche Modelle erlauben sowohl die intensive Bearbeitung anspruchsvoller Aufgabenstellungen als auch regelmäßiges Üben und Vertiefen. Forschung belegt, dass diese Flexibilität das inhaltliche Verständnis wie auch die kognitive Tiefe signifikant erhöht (Andersen et al., 2016; Greving & Richter, 2019; Radinger & Boeckens, 2021).
Im Zuge dieses veränderten Lernverständnisses wird auch die bislang scharfe Trennung zwischen Unterricht und Pause zunehmend aufgeweicht. Entlastungsphasen werden nicht länger als reine Unterbrechung, sondern als integraler Bestandteil eines ganzheitlich gestalteten Schultags verstanden, eingebettet in Rhythmisierungen, die Erholung, Konzentration und Aktivität in ein pädagogisch stimmiges Verhältnis setzen. So entstehen Tagesstrukturen, die sowohl der Leistungsfähigkeit als auch dem Wohlbefinden der Lernenden gerecht werden.
Ein modular gestalteter Schultag schafft damit die Voraussetzungen für eine Schule, in der Lernende im individuellen Tempo entlang ihrer Interessen Inhalte aufnehmen, lernen und reflektieren und somit den Tag nach eigenen Bedürfnissen strukturieren können. Ein offenes Zeitkonzept bedeutet dabei nicht, zeitliche Rahmenbedingungen aufzuheben, sondern diese an die Bedarfe der Lernenden anzupassen. Welche Aspekte in dem Zusammenhang bei Schüler*innen mit Taubheit oder Schwerhörigkeit zu berücksichtigen sind, finden Sie hier.
Zeit ist mehr als ein organisatorischer Rahmen – sie ist ein pädagogischer Gestaltungsraum. Der traditionelle 45-Minuten-Takt vermag weder den individuellen Lernrhythmen noch den Ansprüchen vertieften, kompetenzorientierten Lernens gerecht zu werden. Flexible und modulare Tagesstrukturen hingegen ermöglichen es, Lernen als dynamischen, personalisierten Prozess zu gestalten. Sie fördern nicht nur die kognitive Tiefe, sondern auch Motivation, Selbststeuerung und nachhaltiges Verstehen. Entscheidend ist dabei ein ganzheitlicher Blick, der Arbeits- und Erholungsphasen nicht trennt, sondern in lernförderlicher Weise miteinander verschränkt. Dies soll aber nicht bedeuten, dass Lernen gänzlich ohne zeitliche Struktur oder Rahmung konzipiert werden soll. Lediglich das enge Korsett aus einer exakt vorgegebenen Tages- und Lernzeitenstruktur soll aufgelöst oder zumindest gelockert werden.