Komponenten der Schulentwicklung

Lerngemeinschaft (Die Klasse)

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Die Vorstellung von einer Klasse als fest zusammengesetzter Lerngruppe mit dauerhaft gleichbleibender Zusammensetzung und festen Raumstrukturen erscheint zunehmend wenig praktikabel, wenn Unterricht bedarfsorientiert gestaltet, sein soll.

In einer Schule, die sich an den Prinzipien individueller Förderung, Selbstverantwortung und kollaborativem Lernen orientiert, bedarf es flexibler Formen der Zugehörigkeit und Zusammenarbeit. Flexible Lerngemeinschaften gewinnen in diesem Zusammenhang an Bedeutung – als Ausdruck eines dynamischen, beziehungsorientierten und lernförderlichen Miteinanders. Die starre Zuteilung in Klassen wird zu Gunsten von heterogenen Lerngruppen aufgelöst, die sich durch eine hohe Durchlässigkeit auszeichnen (Stebler et al., 2018).

Dabei steht die Schule vor einem Spannungsfeld: Einerseits benötigen Kinder und Jugendliche feste Bezugspunkte – also eine pädagogische Heimat, in der sie sich sicher fühlen. Solche stabilen Gruppen geben Orientierung, ermöglichen den Aufbau tragfähiger Beziehungen und fördern Vertrauen – wie dargestellt allesamt wichtige Voraussetzungen für gelingende Lernprozesse. Andererseits verlangt individualisiertes und projektorientiertes Lernen zunehmend offene, situativ zusammengesetzte Lerngemeinschaften, die sich flexibel an Aufgaben, Interessen oder Kompetenzniveaus orientieren. Diese Offenheit schafft Raum für neue Konstellationen und Perspektiven, erfordert aber auch ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und Selbstorganisation.

Ein möglicher Weg, dieses Spannungsfeld produktiv zu gestalten, liegt in einem differenzierten Zugehörigkeitsmodell: Lernende haben feste Lerngruppen als Bezugsgruppe mit einer Lernbegleitung und einem festen Platz, z. B. in Lernateliers (Zierer et al., 2023), gleichzeitig aber vielfältige Anlässe, sich temporär in inhaltsbezogene Gruppen oder thematische Lernformate einzubringen. Konsequenzen, die das für den Unterricht mit schwerhörigen oder tauben Schüler*innen haben kann, werden hier erörtert.

Die Zugehörigkeit zu einer größeren Gruppe wie etwa der Schulgemeinschaft wird dabei insgesamt als übergeordneter Rahmen verstanden, in dem Lernen, Zusammenleben, Identifikation mit der Schule und persönliche Entwicklung miteinander verschränkt sind. In diesem erweiterten Verständnis ist die „Klasse“ im traditionellen Sinn zwar einerseits der primäre Bezugspunkt und pädagogische Heimat, andererseits wird die Schule aber insgesamt als Ort des Lernens definiert, wo Beziehungen zu allen Lehrenden und Lernenden gepflegt und ermöglicht werden. Diese neue Perspektive lädt dazu ein, Lernprozesse als kollektive Gestaltungsaufgabe zu verstehen: Lernen als gemeinsames Forschen, Erproben, Verwerfen und Weiterentwickeln.

Zentral für diese Entwicklung ist die Flexibilisierung der Sozialformen. Lernende sollten im Sinne einer lernlogischen Organisation (Ohl, 2022) selbst entscheiden können, ob sie sich einer Aufgabe lieber alleine, zu zweit oder in der Gruppe widmen, d. h. abhängig von Inhalt, Ziel und individueller Lernstrategie. Statt vordefinierter Sitzordnungen oder homogener Gruppenstrukturen entstehen so vielfältige Arbeitsgemeinschaften, die sowohl Unterschiedlichkeit wertschätzen als auch Gemeinsamkeit ermöglichen. Herausforderungen, die sich dabei für Unterricht mit Lernenden mit Hörbehinderung ergeben, werden hier dargelegt.

Auch homogene und heterogene Gruppenzusammenstellungen können situativ eingesetzt werden – nicht aus Prinzip, sondern orientiert an pädagogischen Zielen: So kann es sinnvoll sein, leistungsnahe oder altersgleiche Gruppen zu bilden, um bestimmte Kompetenzen gezielt zu fördern. In anderen Fällen wiederum profitieren Lernende besonders von heterogenen Zusammensetzungen, die Perspektivenvielfalt und soziale Lernprozesse begünstigen. Die Kunst liegt im bewussten und reflektierten Umgang mit diesen Optionen.

Das Konzept der Lerngemeinschaft bedeutet, Schule als sozialen Lernraum zu gestalten und wahrzunehmen, in der Partizipation, Verantwortungsübernahme und wechselseitiges Vertrauen zentrale Rollen spielen. Die Klasse als starres Gefüge öffnet sich einer größeren Gemeinschaft – mit klaren Beziehungsangeboten und flexiblen Formen der Zusammenarbeit. Denn so kann Schule zu einem Ort werden, an dem Gemeinschaft Räume eröffnet und gemeinsames Lernen gestaltet.