Komponenten der Schulentwicklung
Lerninhalt
In einer zunehmend komplexen und dynamischen Welt stellt sich die Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung schulischer Bildung mit neuer Dringlichkeit: Was sollen Kinder und Jugendliche lernen, um den Anforderungen der Zukunft gewachsen zu sein? Mit welchen Inhalten und Zielen sollte sich Unterricht beschäftigen, um junge Menschen auf ein Leben in einer sich stetig wandelnden Gesellschaft vorzubereiten?
Traditionell war schulischer Unterricht vor allem auf die Vermittlung von Fachwissen ausgelegt. Zwar rücken die aktuellen Lehrpläne der Bundesländer verstärkt die Kompetenzorientierung in den Mittelpunkt, in der Praxis dominiert aber nach wie vor die Aneignung von Wissen. Inhalte werden vermittelt, um in Leistungsüberprüfungen abgefragt zu werden, häufig entlang der durch Schulbücher vorgegebenen Strukturen, die nur begrenzt die Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen abbilden können (Reusser, 2014; Lewalter et al., 2023).
Doch reines Faktenwissen verliert in Zeiten künstlicher Intelligenz und des schnellen gesellschaftlichen Wandels zunehmend an Bedeutung. Stattdessen muss die erwähnte Kompetenzorientierung verstärkt in den Fokus rücken (Textor, 2022).
Im Unterschied zu vergangenen Jahrzehnten lässt sich heute kaum mehr vorhersagen, welches Wissen in der Zukunft relevant sein wird. Daher ist es umso wichtiger, dass die Schülerschaft die Fähigkeit entwickelt, sich neues Wissen eigenständig anzueignen, kritisch zu reflektieren und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. In einer Welt, in der sich Lebens- und Berufswege fortlaufend verändern, reicht es nicht mehr, lediglich über Fachwissen zu verfügen. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen (Textor, 2022). Die Grundlage hierfür bilden kognitive Lernstrategien, die Schritt für Schritt erlernt und angewendet werden müssen. Sie lassen sich unterteilen in Wiederholungsstrategien zur oberflächlichen Verarbeitung und Elaborations- bzw. Organisationstrategien zur tiefenorientierten Verarbeitung von Inhalten (Ehlert, 2023). Diese Strategien können nicht vorausgesetzt werden, sondern bedürfen einer tiefgehenden Internalisierung, unabhängig vom Leistungsniveau der Lernenden.
Kompetenzorientierung zielt entsprechend auf die Entwicklung jener Fähigkeiten, die es jungen Menschen ermöglicht, in unterschiedlichen Lebensbereichen handlungsfähig zu sein. Im Zentrum stehen Problemlösekompetenz, Selbstreflexion und soziale Interaktionsfähigkeit (Moegling, 2010; Textor, 2022; Traub, 2022). Nur so können Schüler*innen den Herausforderungen einer sich rasant verändernden Welt eigenverantwortlich und konstruktiv begegnen.
Weiterführende Gedanken für die Berücksichtigung von Lerninhalten für Lernenden mit Hörbehinderung werden hier vorgestellt.
Die 4K plus Haltung als Kern schulischer Bildung
Im Kontext der Kompetenzorientierung gewinnen die sogenannten 4K (Kommunikation, Kooperation, Kreativität und kritisches Denken) zunehmend an Bedeutung und sollten verstärkt in den Mittelpunkt schulischer Bildung rücken (Pfiffner et al., 2021). Diese vier Kompetenzen stehen für grundlegende menschliche Fähigkeiten, die auch im Zeitalter künstlicher Intelligenz von zentraler Relevanz bleiben. Zwar werden technologische Entwicklungen deren konkrete Ausgestaltung fortwährend weiter beeinflussen, doch bleibt es auch künftig unerlässlich, dass Menschen miteinander kommunizieren, kooperieren und kreative Lösungen für komplexe Aufgaben und Probleme entwickeln (Muuß-Merholz, 2017).
Besonders das kritische Denken wird angesichts der Flut digitaler Informationen immer wichtiger. Kinder und Jugendliche müssen in die Lage versetzt werden, Informationen zu hinterfragen, Quellen zu bewerten und Fakten von Desinformation, etwa in Form von Fake News, zu unterscheiden (Pfister, 2020).
Ergänzt werden die 4K durch eine fünfte Ebene: die Haltung. Gemeint sind damit Werte, Einstellungen und Überzeugungen, die das Handeln der Lernenden leiten und ihnen Orientierung im Umgang mit den erworbenen Kompetenzen geben. Eine ethisch fundierte und reflektierte Haltung ist Voraussetzung dafür, erworbene Kompetenzen verantwortungsvoll einzusetzen (Eichler & Moritz, 2016). In diesem Zusammenhang kommt dem Unterricht die Aufgabe zu, Räume für die Auseinandersetzung mit moralischen Fragestellungen zu eröffnen und die Entwicklung einer eigenen Werthaltung aktiv zu unterstützen.
Die gezielte Förderung der 4K plus Haltung schafft somit nicht nur die Basis für schulisches Lernen, sondern auch für soziale und personale Kompetenzen, welche von zentraler Bedeutung sind, um zukünftige Herausforderungen selbstbestimmt, verantwortungsvoll und konstruktiv bewältigen zu können.
Demokratische Bildung
Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Polarisierungen und einer wachsenden Offenheit Jugendlicher gegenüber autoritären Regierungsformen gewinnt demokratische Bildung in der Schule an Bedeutung (Friedrich-Ebert-Stiftung, 2023; TUI-Stiftung, 2025). Zustimmung zur Demokratie erweist sich zunehmend als fragil und muss reflektiert sowie praktisch erfahrbar gemacht werden.
Auf Schule kommt insofern die Aufgabe zu, demokratische Werte nicht nur zu vermitteln, sondern diese möglichst als gelebte Praxis erfahrbar zu machen: durch Partizipation, Verantwortungsübernahme, Perspektivwechsel und eine respektvolle Diskussionskultur etwa in Klassenräten oder anderen Formen der Mitbestimmung (Wedekind & Schmitz, 2015).
Demokratiebildung zielt damit auf die Entwicklung einer Haltung und nicht auf reines Faktenwissen (Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik, 2016; Bertelsmann Stiftung, 2018).
Bildungspolitisch ist Demokratiebildung daher als fächerübergreifende Querschnittsaufgabe zu verankern, die in allen Fächern präsent ist – sei es in der Diskussion tagesaktueller Texte, kontinuierlicher Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, in kooperativen Arbeitsformen oder Projekten.
Entsprechende Empfehlungen liegen vor; die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz fordert eine systematische Implementierung in Schule und Lehrkräftebildung (Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz, 2024).
Digitale Kompetenzen als Grundbaustein zeitgemäßer Bildung
Die fortschreitende Digitalisierung verändert alle Lebensbereiche und stellt auch die Schule vor neue Herausforderungen und Aufgaben, um Lernende auf diese weitreichenden Aufgaben vorzubereiten (Muuß-Merholz, 2025). Dabei besitzt Digitalisierung das Potenzial, schulisches Lernen nicht nur zu unterstützen, sondern nachhaltig zu verändern, indem Lernprozesse, Rollenverständnisse und Unterrichtsstrukturen neu ausgerichtet werden. Verschiedene Bundesländer haben deshalb Handreichungen für Schulen entwickelt wie etwa den „Medienbildungsplan“ in Baden-Württemberg oder den „Medienkompetenzrahmen“ in NRW, die aufzeigen, wie sich Unterricht hierauf einstellen kann. Digitale Kompetenzen sollten daher gleichsam als Lernziele und Lerngegenstand fest im Unterricht verankert werden. Neben dem Erwerb technischer Fertigkeiten umfasst dies auch Medienkritik, Datenschutzverständnis sowie die Auseinandersetzung mit Fragen digitaler Ethik (Stapf et al., 2019; Iske, 2021).
Neben einem Fach wie Informatik, in dem technische Grundlagen vermittelt werden, ist es unerlässlich, digitale Medien fächerübergreifend im Schulalltag einzusetzen und Lernende systematisch an deren Nutzung heranzuführen. Dabei darf sich digitales Arbeiten nicht auf das Ausfüllen digitaler Arbeitsblätter oder das Erstellen analoger Präsentationsformen durch Power-Point-Präsentationen beschränken. Vielmehr sollte digitale Bildung über ein bloßes Ersetzen herkömmlicher Methoden hinausgehen und das Potenzial digitaler Werkzeuge in seiner ganzen Wirkkraft entfalten. Im Sinne des SAMR-Modells zielt digitale Bildung daher auf eine Transformation von Lernprozessen, in der neue Lernformen, Interaktionsmöglichkeiten und Aufgabenformate ermöglicht werden. Auf diese Weise kann gewährleistet werden, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig Kompetenzen im sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Werkzeugen aufbauen (Kultusministerkonferenz, 2016; Muuß-Merholz, 2025).
Zugleich knüpft die Nutzung digitaler Medien (insbesondere des Internets) unmittelbar an die Lebenswirklichkeit der Lernenden an. Sie eröffnet die Möglichkeit, schulisches Lernen stärker mit der Erfahrungswelt der Lernenden zu verknüpfen und dadurch Motivation sowie Relevanz der Bildungsinhalte zu steigern.
Der schulische Umgang mit digitalen Endgeräten, insbesondere auch mit privaten Endgeräten wie dem Handy, ist daher kritisch zu überdenken und darf nicht auf ein reflexartiges Verbot reduziert werden. Vielmehr stellt sich die Aufgabe, Schüler*innen schrittweise an einen reflektierten und verantwortungsvollen Gebrauch heranzuführen. Bereits im Grundschulalter bewegen sich viele Kinder in den digitalen Kommunikationsräumen der sozialen Netzwerke. Wie die Studienreihe „Jugend, Information, Medien“ des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (2023) jedoch zeigt, nutzen bereits Kinder ab zehn Jahren soziale Netzwerke in erheblichem Umfang, ohne die Tragweite ihres Handelns einschätzen zu können. Das Fotografieren, Posten, Liken, Kommentieren und Teilen von Beiträgen birgt zwar einerseits Chancen der Teilhabe, zugleich aber auch das Risiko von Ausgrenzung und Beleidigungen etwa in Folge sprachlicher und sozialer Verrohung. Aufgabe von Schule ist es deshalb, einen pädagogischen Rahmen zu schaffen, in dem Medienkompetenz systematisch aufgebaut wird und die Kinder und Jugendlichen zu einem kompetenten und verantwortungsbewussten Handeln im Internet und sozialen Netzwerken erzogen werden (Spanhel, 2011; Aufenanger, 2024).
Digitale Kompetenzen sind damit ein weiterer integraler Bestandteil zeitgemäßer Bildung und eine unverzichtbare Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.
Fächerübergreifendes Lernen, Lebensweltbezug und individuelle Schwerpunktsetzung
Ein weiterer bedeutungsvoller Aspekt zukunftsgerichteter Bildung ist die Abkehr vom starren Fächerkanon zugunsten fächerübergreifender und problemzentrierter Lernformate orientiert an der Lebenswirklichkeit der Lernenden. Wenn traditionelle Fachgrenzen aufgelöst werden, treten inhaltliche Verbindungen deutlicher hervor und schaffen den Raum für ein ganzheitlicheres Verständnis komplexer Themenstellungen (Hattie, 2009; Moegling, 2010).
Thematische Schwerpunktsetzungen eröffnen darüber hinaus die Möglichkeit, aktuelle Fragestellungen aus der Lebenswelt der Lernenden aufzugreifen. Der Unterricht orientiert sich damit weniger an extern vorgegebenen Inhalten, sondern an echten Fragen der Lernenden. Diese stärkere Problemorientierung fördert nicht nur Motivation und Selbstständigkeit, sondern auch dazu, eigenständig Lösungen zu erarbeiten.
Gleichzeitig kann eine klare äußere Rahmung gewährleisten, dass auch in einem individualisierten Unterricht Inhalte aus verschiedenen Disziplinen berücksichtigt und vernetzt werden. So erhalten Lernende einen breiten Einblick in unterschiedliche Wissenschaftsbereiche und entwickeln interdisziplinäre Strukturen – ohne sich frühzeitig auf bestimmte Domänen festlegen zu müssen.
Bildungsstufenspezifische Ausgestaltung kompetenzorientierten Lernens
Die konkrete Umsetzung kompetenzorientierten Unterrichts sollte an den jeweiligen Bildungsstufen ausgerichtet sein. In der Primarstufe steht sicherlich der Erwerb grundlegender kognitiver, motorischer und sozial-emotionaler Kompetenzen im Mittelpunkt. Diese bilden das Fundament für weiterführendes Lernen und ermöglichen eine aktive Teilhabe an schulischen wie gesellschaftlichen Prozessen.
In der Sekundarstufe I verschiebt sich der Fokus zunehmend auf die Auseinandersetzung mit individuellen Themenschwerpunkten. Durch projektbasierte Formate sollen die Lernenden darauf vorbereitet werden, komplexe Fragestellungen zu bearbeiten, kreative Lösungen zu entwickeln und Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen (Meyer, 2024).
In der Sekundarstufe II gewinnt die Vorbereitung auf Studium, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe an Bedeutung. Kompetenzorientierung wird zum Leitprinzip schulischer Bildung. Im Zentrum stehen die Anwendung von Wissen in komplexen Kontexten, kritisches Urteilsvermögen und eigenverantwortliches Handeln (Moegling, 2010). Die zunehmende Berücksichtigung individueller Zielsetzungen fördert eine differenzierte und personalisierte Bildungsbiografie.
Vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher, technologischer und ökonomischer Veränderungen ist eine Neuausrichtung schulischer Bildung unumgänglich. In einer Welt, in der Wissen jederzeit digital verfügbar ist, reicht die reine Vermittlung von Fakten nicht mehr aus. Neben dem Erwerb grundlegender Kompetenzen ist es eine entscheidende Fähigkeit, versiert mit Zugängen zu digitalen Datenbänken umzugehen, dort Sachverhalte zu suchen, Fakten kritisch zu reflektieren und Informationen eigenständig und sachgerecht anzuwenden.
Eine zukunftsfähige Bildung erfordert deshalb die Integration digitaler Kompetenzen, die Öffnung fächerübergreifender Lernformen sowie die Ausrichtung am individuellen Lebenskontext der Lernenden. Gleichzeitig muss die Umsetzung kompetenzorientierten Unterrichts alters- und entwicklungsgerecht erfolgen. Nur so kann schulische Bildung ihrem zentralen Auftrag gerecht werden: junge Menschen zur aktiven, verantwortungsvollen und selbstbewussten Mitgestaltung der Zukunft zu befähigen.