Komponenten der Schulentwicklung
Lernbegleitung (Lehrkräfte)
In einer Schule der Zukunft, die sich an Prinzipien wie Individualisierung, Offenheit, Partizipation und Selbstverantwortung orientiert, genügt das klassische Rollenverständnis der Lehrkraft als alleinig Planende und Durchführende von Lernprozessen nicht mehr. Vielmehr etabliert sich ein neues Selbstverständnis: Lehrkräfte werden zu Lernbegleiter*innen oder Lerncoaches, die Bildungsprozesse initiieren, moderieren und individuell unterstützen (Stebler et al., 2022).
Entscheidend ist dabei nicht nur das methodische Repertoire, sondern vor allem die pädagogische Haltung der Lehrkraft. Sie ist nicht allein Expertin für Inhalte, sondern Begleiterin in Bildungsprozessen, Beziehungsgestalterin und Ermöglicherin von Entwicklung und schafft dafür ein Klima von Vertrauen, Zutrauen und wechselseitiger Verbindlichkeit.
Dieser Wandel betrifft nicht nur methodisch-didaktische Fragen, sondern markiert eine grundlegende Veränderung in der pädagogischen Haltung. Er setzt Vertrauen in die Lernenden voraus, Offenheit für neue Wege, insbesondere die Bereitschaft, sich auf die individuellen Lernwege der Lernenden einzulassen, Bereitschaft zur Kooperation sowie den Mut, Verantwortung zu teilen und Kontrolle abzugeben. Schüler*innen werden als eigenständige Subjekte ihres Lernens ernst genommen – mit individuellen Fragen, Zugängen und ihrem Lerntempo.
Die Qualität von Bildung liegt in der gemeinsamen Erschließung bedeutsamer Inhalte, nicht in deren einseitiger Vermittlung (Klafki, 2007). Zentrale Voraussetzung dafür ist die Beziehung zwischen Lehrkraft und Lernenden. Lernen gelingt dort, wo Vertrauen, emotionale Sicherheit und persönliche Zugewandtheit spürbar sind. Beziehungsarbeit ist somit das Fundament erfolgreicher pädagogischer Praxis (Bauer, 2022). Gerade in offenen, selbstgesteuerten Lernsettings benötigen Lernende diese stabile Beziehung, um sich sicher auf neue Lernherausforderungen einzulassen (Hattie, 2009; Spangler, 2010; Becker, 2024).
In diesem Kontext erhält auch das Thema Autorität eine neue Bedeutung. Pädagogische Autorität meint nicht Strenge, sondern beruht auf fachlicher Kompetenz, persönlicher Integrität und authentischer Haltung. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Lernende Respekt lernen können – nicht als Gehorsam, sondern als wertschätzende Beziehung zur Mitwelt. Autorität wird in diesem Verständnis nicht ausgeübt, sondern anerkannt – auf der Basis von Glaubwürdigkeit und Beziehung.
Hierbei gilt es auch, selbstkritisch das eigene Nähe- und Distanzverhalten zu reflektieren, damit die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden professionell gestaltet werden kann und Halt sowie Orientierung gibt (Becker, 2024).
Damit aus der Beziehung eine tragfähige Bindung erwachsen kann, bedarf es klarer Strukturen. Classroom-Management ist daher keine Nebensache, sondern ein zentrales Instrument lernförderlicher Schulgestaltung. Helmke (2017) betont, dass Unterricht nur dann wirksam sein kann, wenn er gut organisiert, regelklar und störungsarm ist. Ein professionelles Classroom-Management schafft den Rahmen, in dem Lernprozesse möglich werden – nicht durch Kontrolle, sondern durch Transparenz, Verlässlichkeit, Regeln, Rituale und pädagogische Führung.
Diese Form der Führung widerspricht nicht der Idee offener Lernformen, sondern ist deren Voraussetzung. Sie ist nicht als Kontrolle im klassischen Sinne zu verstehen, sondern eine bewusste Steuerung von Aufmerksamkeit, sozialem Miteinander und pädagogischer Rahmung – als Orientierung in einer zunehmend komplexen Lernwelt (Eckert, 2022).
Die professionelle Ausgestaltung der Rolle als Lernbegleiter*in erfordert eine erweiterte Kompetenzbasis. Neben fachlicher Expertise sind insbesondere didaktische, diagnostische und personale Fähigkeiten gefragt. Hattie (2009) hebt hervor, dass vor allem die Qualität der Beziehung, das gezielte Feedback und die Klarheit der Instruktion zentrale Einflussgrößen für den Lernerfolg sind – unabhängig vom Grad der Öffnung des Unterrichts.
Die Transformation der Rolle hin zum Lerncoach ist Ausdruck eines grundlegenden pädagogischen Paradigmenwechsels. In einer zukunftsorientierten Schule gestalten Lehrkräfte nicht nur Lernprozesse, sondern auch Beziehung, Bindung und Entwicklung. Sie geben Orientierung, schaffen Verlässlichkeit, ermöglichen Beteiligung und fördern Selbstverantwortung. Pädagogische Autorität, Beziehungsarbeit und professionelles Classroom-Management bilden dabei keine Gegensätze, sondern ein kohärentes Fundament. So entsteht ein Bildungsraum, in dem junge Menschen nicht nur lernen, sondern sich als wirksam, wertvoll und zugehörig erfahren können.