Komponenten der Schulentwicklung
Anforderungen an die Lerngemeinschaft für Lernende mit Hörbehinderung
Im Kontext der Unterrichtsgestaltung bei Lernende mit einer Hörbehinderung haben Laut- und Gebärdensprache einen zentralen Stellenwert und können gleichzeitig eine große Herausforderung darstellen. Beide Sprachmodalitäten sind – nicht zuletzt aufgrund der Einbindung der DGS als Bildungssprache – im Unterricht zu berücksichtigen, wobei deren Ausprägung und Relevanz je nach Lernausgangslage der Lernenden, schulischem Förderort und individueller Zielsetzung mitunter erheblich variieren kann. Für die Kommunikation der Lernenden untereinander kann dies eine große Herausforderung darstellen, die zum einen entsprechende sprachliche bzw. kommunikative Fähigkeiten voraussetzt und zum anderen ggf. auch einer behutsamen Moderation durch kompetente Lehrkräfte oder zusätzlich unterstützende Personen wie Gebärdensprachdolmetscher*innen im Unterricht bedeuten.
Für Schulen kann sich daher mitunter die pragmatische Frage der Zusammensetzung von Lerngemeinschaften hinsichtlich einer weitgehenden sprachlichen Modalitätshomogenität oder dem Zulassen von entsprechend sprachlicher Heterogenität stellen.
Bezüglich der sprachlichen und kulturellen Vielfalt und im Sinne einer entsprechenden Offenheit, die gleichsam Voraussetzung für ein selbstorganisiertes und selbstverantwortest Lernen ist, gewinnen modalitätsgemischte Lerngruppen zunehmend an Bedeutung (Becker & Schneider, 2009).
Voraussetzung für das Gelingen von Kommunikation von Lernenden untereinander kann hier – sofern nötig – sicherlich zum einen eine flankierende sprachliche Förderung in den verschiedenen Modalitäten sein, die die Lernenden dazu befähigt, in verschiedenen Modalitäten kommunizieren zu können. Unabhängig davon ist eine weitere Voraussetzung zum anderen eine Förderung der Kommunikationstaktik. Ausgehend von dem Bewusstsein über die eigenen sprachlichen und kommunikativen Ressourcen lernen die Schüler*innen, dialogische Settings entsprechend eigener Bedürfnisse mitzugestalten und zu beeinflussen. Das Etablieren von klaren und verlässlichen Gesprächsregeln sowie das Sensibilisieren der Lerngemeinschaft für die Nutzung der zur Verfügung stehenden Hörtechnik und ggf. der Einbezug von Personen, die dolmetschen, ist in dem Zusammenhang obligatorisch. Methodisch-didaktische Entscheidungen für die Gestaltung des unterrichtlichen Rahmens sind dabei sicherlich ein weiterer wesentlicher Gelingensfaktor.
Sobald die Lernenden aber die Fähigkeit entwickeln, unabhängig der vorhandenen Modalitäten innerhalb einer Lerngemeinschaft erfolgreich dialogische Settings mitgestalten zu können, erwerben sie auch die Fähigkeit, barrierefrei in Lernpartnerschaften zu treten. Mehrsprachigkeit und Diversität wird zur „Normalität“ und gelebten Selbstverständlichkeit.
Zweifellos bedarf ein entsprechendes Setting einer entsprechenden Rahmung. Flankierende sprachliche Förderung in den jeweiligen Modalitäten sowie methodisch-didaktische Entscheidungen stellen hierbei – wie eben skizziert – wesentliche Gelingensfaktoren dar.
Als einen weiteren wesentlichen Punkt ist auch die Frage der sich an manchen Förderorten abzeichnenden enormen Leistungsheterogenität nicht zu unterschätzen. Um sowohl Durchlässigkeit zu gewähren, gleichzeitig aber auch Stabilität zu ermöglichen bieten sich die Schaffung fester und über einen längeren Zeitraum stabiler Lernbänder zu verschiedenen inhaltlichen Themen an. Neben einer verlässlichen Stammgruppe treten Lernende hier zu vorab verabredeten Zeiten für vereinbarte Themen in eine Lerngruppe zusammen.
Die folgenden Aspekte fassen wesentliche Aspekte zur Gestaltung von Lerngemeinschaften zusammen:
Rahmen klar strukturieren
- verlässliche längere Zeitblöcke, die Gelegenheit für individuelles und selbstgesteuertes Arbeiten ermöglichen
- klare Strukturen und Rituale schaffen, die Sicherheit geben, ohne einengend zu wirken
- Schule (Jahrgangsstufen) als einen gemeinsame Lerngemeinschaft erlebbar machen / Durchlässigkeit fördern: gemeinsame Aktivitäten, jahrgangsübergreifende Projekte etablieren wie Patenschaften etc.
- Identifikation mit dem System aufbauen
Stabile Bezugsgruppen sichern
- feste Stammgruppen geben Orientierung und Sicherheit, sie bilden den sozialen Anker, von dem aus Lernende in wechselnde Arbeitsgruppen gehen können
Flexible Lerngruppen ermöglichen
- auf einzelne (Lern-)Bereiche bezogene Lerngruppen werden je nach Thema, Interesse oder Kompetenzniveau aus verschiedenen Stammgruppen zeitlich befristet zusammengesetzt (Projektgruppen, Lernateliers, Lernbänder). So entstehen Durchlässigkeit und individuelle Lernwege. Dabei können sowohl
- homogene Lerngruppen gebildet werden (z.B. leistungshomogene Lerngemeinschaften zu einzelnen Themen oder modalitätshomogene Gruppen zur sprachlichen Förderung etc.) oder
- heterogene Lerngruppen gebildet werden (z.B. zur Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenzen, Förderung von Vielfalt, Übernahme von Perspektivwechseln etc.)
- das Bilden von flexiblen bzw. partiellen Lerngemeinschaften ist immer abhängig der entsprechenden pädagogischen Zielsetzung
Kommunikation absichern
- klare Gesprächsregeln, Visualisierungen, bewusster Einsatz von Hörtechnik, ggf. Dolmetschung
- sprachliche Förderung und Kommunikationsstrategien systematisch einüben
- Dialogfähigkeit aktiv fördern
- Perspektivwechsel, Gesprächsführung und Aushandlungsprozesse explizit trainieren (Rollenspiele, moderierte Diskussionen, Reflexionsphasen). Lernende gestalten Kommunikation zunehmend selbstständig
Selbstorganisation und Mitentscheidung sukzessive stärken
- Lernende wählen präferierte Sozial- und Kommunikationsformen passend zur Aufgabe
- Lernende übernehmen zunehmend Verantwortung für Lernprozesse und Zusammenarbeit