Blick in die Praxis
Churer Modell
Ein weiteres Unterrichtsmodell, das die zuvor beschriebenen Komponenten integrativ zusammenführt, ist das Churer Modell, entwickelt von Reto Thöny, ehemaliger Vizedirektor der Stadtschule Chur, und 2010 erstmals implementiert wurde. Ausgangspunkt des Modells ist die Überzeugung, dass schulisches Lernen dann am wirksamsten ist, wenn es konsequent an den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, Interessen und Entwicklungspotenzialen aller Lernenden ansetzt. Es basiert auf drei zentralen Gestaltungsprinzipien:
1) individualisierte Lernarrangements, die differenzierte Aufgabenstellungen und adaptive Unterstützungsangebote vorsehen,
2) eine flexible Raumgestaltung, die unterschiedliche Arbeitsformen von Einzelarbeit über Partnerarbeit bis hin zu Gruppenprojekten gleichwertig ermöglicht, sowie
3) die enge Verzahnung von selbstgesteuerten Lernphasen mit kurzen, präzisen Instruktionssequenzen.
Der physische Raum wird im Churer Modell bewusst als „dritter Pädagoge“ verstanden. Offene, modular nutzbare Lernlandschaften ersetzen das klassische Klassenzimmer und sind so gestaltet, dass sie sowohl fokussiertes Arbeiten in Rückzugsbereichen als auch kollaborative Lernprozesse an Gemeinschaftsflächen fördern. Lernende bewegen sich selbstbestimmt zwischen diesen Zonen, wählen Lerninhalte in Teilen eigenverantwortlich aus und reflektieren ihre Arbeit regelmäßig in Feedback- und Coachinggesprächen mit Lehrkräften (Thöny, 2011).
Im Gegensatz zum lehrkraftzentrierten Frontalunterricht verlagert das Churer Modell die Verantwortung für den Lernprozess zu einem großen Teil auf die Lernenden, ohne dabei auf klare Struktur zu verzichten. Es schafft organisatorische Rahmenbedingungen – wie flexible Zeitstrukturen, rhythmisierte Tagesabläufe und transparente Lernziele – sowie methodische Elemente, die Selbststeuerung, Eigenverantwortung und soziale Teilhabe gleichermaßen fördern. Damit verbindet es konsequent Aspekte der Individualisierung mit kooperativen Lernformen und verankert beides in einem auf Partizipation ausgerichteten Schulalltag (Lutz & Thöny, 2024).