Blick in die Praxis
Siebengebirgsschule, Bonn
Die Siebengebirgsschule Bonn ist eine Förderschule im Verbund der Förderschwerpunkte Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache. Im Mittelpunkt des Schulkonzepts steht die Überzeugung, dass Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess übernehmen können und sollen. Der klassische Unterricht mit festem Stundenplan und festen Klassenräumen wurde dafür weitgehend durch individuelle Lernsettings, eigenverantwortliches Arbeiten und flexible Lernzeiten ersetzt. Für dieses Konzept erhielt die Schule 2024 den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises.
Die Schülerinnen und Schüler arbeiten mit individuellen Wochenarbeitsplänen, die im digitalen „Lern-Navi“ abgebildet werden. Dort finden sie ihre Lernaufgaben, Materialien und Hinweise für den individuellen Lernprozess. Der Grad des eigenverantwortlichen Arbeitens nimmt mit dem Alter und der jeweiligen Lernentwicklung kontinuierlich zu. Ergänzend ermöglichen Gleitzeitmodelle insbesondere älteren Schülerinnen und Schülern, ihre Lernzeiten innerhalb eines vereinbarten Rahmens selbst zu organisieren.
An die Stelle einer traditionellen Lehrerrolle tritt zunehmend die Lernbegleitung. Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter unterstützen die Schülerinnen und Schüler durch Coaching, Lern- und Entwicklungsgespräche, Briefings und gezielte Impulsphasen. Die individuelle Zuwendung wird dadurch zu einem zentralen Bestandteil des Lernsettings. Die Schule beschreibt die Veränderung selbst als einen Wechsel „vom Lehrer zur Lernbegleitung“.
Auch die Lernräume wurden an das veränderte Lernverständnis angepasst. Aus Klassenräumen entstehen Lernateliers für individuelles und ruhiges Arbeiten; hinzu kommen Kreativräume wie Kunst-, Holz- und Werkstattbereiche, Küche und Garten. In verschiedenen Bereichen der Schule können Schülerinnen und Schüler selbstständig arbeiten und sich innerhalb klar vereinbarter Regeln bewegen. Damit wird der Lernraum nicht mehr ausschließlich als Ort des Unterrichts verstanden, sondern als Teil einer flexibel gestalteten Lernumgebung.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Reflexion und Dokumentation des eigenen Lernens. Das digitale Lerntagebuch unterstützt die Schülerinnen und Schüler dabei, erworbene Kompetenzen, Projekte und den eigenen Lern- und Arbeitsprozess zu dokumentieren und zu reflektieren. Auch die Leistungsbewertung wurde weiterentwickelt: Neben Ziffernnoten kommen Textbewertungen zum Einsatz; die Beurteilung stützt sich auf mehrere Ebenen und ist eng mit Diagnostik und Förderplanung verknüpft.
Umsetzung der acht Komponenten schulischer Entwicklung
Die pädagogische Konzeption der Siebengebirgsschule lässt sich besonders anschaulich anhand der acht Komponenten schulischer Entwicklung analysieren:
Tabelle 1. Komponenten Lernkulturwandel für die Siebengebirgsschule, Bonn

Die acht Komponenten greifen dabei besonders eng ineinander: Die Veränderung der Lernform setzt eine Veränderung der Lernzeit, der Lernräume und der Lernbegleitung voraus – und umgekehrt. Die Siebengebirgsschule zeigt damit besonders deutlich, dass selbstständiges Lernen nicht einfach durch die Einführung von Wochenplänen entsteht. Es braucht eine entsprechende Organisationsstruktur, geeignete Lernräume, transparente Lernwege, kontinuierliche Begleitung und Formen der Rückmeldung, die den individuellen Lernprozess sichtbar machen. Damit wird das Prinzip „so viel Freiheit wie möglich, so viel Anleitung wie nötig“ sehr anschaulich umgesetzt.
Zur Homepage der Schule gelangen Sie →hier.