Lernhaus (Gestaltung von Schulen)
Wenn Schule ein Ort sein soll, an dem Kinder und Jugendliche nachhaltig und zukunftsgerichtet lernen, sollte sich auch der physische Raum diesem Anspruch anpassen. Architektur ist niemals neutral – sie beeinflusst Denken, Handeln, Fühlen und damit auch das Lernen. Die traditionelle Flurschule mit langen Gängen und geschlossenen Klassenzimmern spiegelt ein pädagogisches Leitbild wider, das auf einheitliche Belehrung weitgehend homogener Gruppen ausgerichtet ist. Dieses Modell wird einer individualisierten, differenzsensiblen und zukunftsorientierten Bildung nicht mehr gerecht.
Demgegenüber stellt ein neues Verständnis von Schularchitektur den Menschen in den Mittelpunkt: Offenheit, Flexibilität und funktionale Vielfalt sollen den pädagogischen Wandel nicht nur abbilden, sondern aktiv fördern. Der Wandel von Schule hin zu einem Lernhaus steht exemplarisch für diesen Ansatz. Es löst starre Strukturen auf und versteht Schule als dynamischen Lebens- und Lernraum, in dem Lernende Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung entwickeln. Lernen wird hier als aktiver, sozialer und sinnstiftender Prozess begriffen.
Ein Beispiel für dieses neue Verständnis von Schularchitektur ist das „Münchner Lernhauskonzept“. Seit 2016 verbindet es pädagogische, räumliche und organisatorische Elemente zu einem ganzheitlichen Modell. Schulneubauten und -sanierungen in München folgen diesem Prinzip, indem Gebäude in mehrere Lernhäuser gegliedert werden. So entstehen kleine Schuleinheiten in einem großen Schulgebäude mit flexiblen Räumen, die offenes und kooperatives Lernen ebenso ermöglichen wie eine individuelle Förderung, eingebettet in ein Ganztageskonzept. Zentrales Element ist der „Marktplatz“, der als gemeinschaftliche Mitte Austausch, Zusammenarbeit und Ideenentwicklung fördert (Pospischil & Kirch, 2021).
Die Konzeption orientiert sich an der Idee des Lernclusters: Mehrere Klassenräume werden mit Differenzierungs-, Aufenthalts- und Regenerationsbereichen zu einer Einheit zusammengefasst, ergänzt um eine zentrale Mitte als multifunktionalen Gemeinschaftsbereich (Wietzorrek & Gonzalez, 2018).
Das Bild eines „Hauses der offenen Tür“ steht für eine pädagogische Haltung, die Offenheit gegenüber gesellschaftlichem Wandel, Partizipation und Transparenz betont. Ergänzend erweitern spezialisierte Räume wie Forscherwerkstätten, Kreativlabore, Bewegungs- und Rückzugszonen das Spektrum sinnlich-kognitiver Erfahrungen.
Wie eng pädagogisches Denken und architektonische Gestaltung verflochten sind, zeigen Ramseger und Kirch (2024) in ihrem Sammelband Grundschule mit Kindern neu denken, neu planen, neu gestalten. Anhand internationaler Beispiele verdeutlichen sie, dass Schulbauten nicht nur physische, sondern auch kulturelle Räume sind, die pädagogisches Handeln ermöglichen oder auch behindern. Architektur sollte daher nicht nachträglich an Konzepte angepasst, sondern von Beginn an integraler Bestandteil pädagogischer Planung sein.
Schularchitektur ist damit mehr als bauliche Infrastruktur: Sie ist Ausdruck pädagogischer Haltung und Mitgestalterin schulischer Kultur. Ein Lernhaus, das Offenheit, Flexibilität und funktionale Vielfalt realisiert, schafft die Grundlage für eine neue Lernkultur. Es lädt zum Mitgestalten, Verweilen und Erproben ein – und wird selbst zum Lernmedium. In dieser Umgebung entstehen nicht nur neue Bildungsräume, sondern auch neue Beziehungen, die Haltungen prägen: zum Lernen, zum Miteinander, zur Welt.